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by - Sonntag, September 24, 2017



Verglichen wir den letzten Monat mit Silvesternächten, zerbrächen wir den Kopf Stunde um Stunde. Und das tat ich jeden Tag und jede Woche aufs Neue. Das Leben als Perfektionistin läuft nicht mit Leichtsinn, sondern mit Prellereien, Steinen auf den Schultern, die schwerer als Osmium sind. Ich ersehnte mich nach einer Absolution, die auf mich zukommt, mich festhält und in meinen Armen weint. Genauso wie eine ewig anhaltende Kameradschaft mit Distanz und Dynamik.
Wie ein Flüstern im Wind verlassen die Blätter ihre Äste, wie Vögel ihre Nester. Frei. Ihre warmen Couleurs therapierten mich mit Rot- und Orangetönen, faszinierend das Kunstwerk!

Kaum verließ ich das Interieur und begab mich auf die Reise in die Außenwelt. „Schau, der Herbst naht!“, rauschte es in Blockschrift. „Der Moment, er ist zum Greifen nah.“ Die Brise pustete mich an und forderte mein Kopftuch zu einem Duell heraus. Bis es approximativ meinem Kopf einen Abschiedskuss gab und durch die Stadt vorbeiflog. Hastig inhibierte ich den Phantomschmerz, der in Bälde einbräche und tastete fieberhaft nach meinem Stoff. Da capo kurbelte der Windhauch, bis mein Dekolletee evident war und vor Scham fror. Da begriff ich, einen warmen Kaffee zu mir zu konsumieren, bevor ein Virus in mein System eindrang.
Eine Tasse Tee wäre eine Wahl. Entschiede ich mich zwischen den beiden Getränken, fiele mir der Entweder-oder-Kampf kinderleicht. 

Ich marschierte Richtung Coffee Shop, entlang der Kärntner Straße erreichte ich mein Ziel. Der Raum roch nach Kuchen und Gebäck, es spielte zartfühlende Jazz-Musik und die Atmosphäre war harmonisch. Zeitgenossen schlürften genüsslich ihr Heißgetränk zu Ende, mampften zwischendurch ihre süßen Beilagen, als bissen sie ein Stück vom Himmel ab. Während ich einen Espresso und einen Chocolate Chip Cookie bestellte, inhalierte ich erneut den bitteren Geruch nach gemahlenen Bohnen, fühlte mich wie Zuhause. Ein zweites Zuhause, wo ich kein schlechtes Gewissen über eine Überdosis an koffeinhaltigen Tränken habe. An einem Sitzplatz ankommend kam ich in Genuss, bis der Espresso meiner Zunge Unheil anstiftete. Bis sie wie eine zerbrochene Puppe versucht, ihre Geschmacksknospen zu aktivieren, erblickte ich Gebäuden mit individuellen Fassaden. Und wie Touristen den Stadtteil erkundigten, als gäbe es viel zu erzählen. Niemals hatte ich vor, mich mit meiner Lust zu Wien zu täuschen. Es wäre falsch zu behaupten, mich hier nicht wohlzufühlen. Nachdem mein Kaffee um Amnestie bat und es Frieden herrschte, warf ich einen Blick auf das Gehäuse dieses Coffee Shops. Dabei kreisten Gedanken wie in einem Karussell, die ich wie ein Autor in meinem Block niederschrieb, bevor meine Ideen verpufften. Ein Poet, der Inspirationen in einem kleinen Kaffeeladen wie diese fand. 
Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. Wer käme auf eine Idee wie diese? Es konnte niemand anderer sein als du, mein Lieber. Du leistetest mir Gesellschaft, stelltest mir Fragen, wie es mir ging und wie weit ich mit der Strecke des Lebens war. Eine Fortdauer war es her, dass wir uns wiedersahen, nicht wahr? Deine Existenz tat mir gut, bis du anfingst, mich aus dem Nichts von oben bis unten zu scannen. Nicht, dass ich verdächtig rüberkäme, oder ob ich keine Gegenstände aus Metall trug. Oder ob dich dein Bewusstsein wachkniff, dass du mit einer unbekannten Dame sprachst. Fremd war ich nicht, ich gestaltete mein Äußeres um. „Alles okay?“, fragte ich dich verunsichert. Du zögertest. Mein Spürsinn vermittelte mir alles andere als dein „positives“ Feedback. Er warnte mich vor der Provokation, die in Sekunden auf mich zukäme. „Jetzt, wo es gemütlich ist, habe ich ein paar Fragen“, du brachst das Eis. „Aber bitte sei mir nicht böse und nimm es mit Humor!“. Und los ging die fieseste Frage-Antwort-Saison. Ich verdrehte leicht meine Augen und seufzte. Ich deutete ein Zeichen, loszulegen.

Be aware! | Sätze, die kein Hijabi hören will

Du riebst deine Hände aneinander wie die Schurken, vor denen wir uns als Kinder fürchteten. Die Situation wirkte auf mich furchterregend. Es fühlte sich ähnlich einer Millionenshow an. Ohne Gewinn oder Jokers. Oder wie jede Biologie- oder Geschichtestunde, in der ich keine Auskunft geben konnte. Weil ich Angst hatte, hinfällig an Intellekt zu sein. Erschreckend, wie dämonisch du gegenüber mir warst. Erstaunlich, wie du auf diese Gedanken verfielst:

„Die Arme! Hat jemand sie gezwungen, Kopftuch zu tragen?“

Du schildertest mir mit einer Handgeste, dass Europa sich unwohl fühle. Seit wann branntest du für die Mode? Seit wann interessierte es dich, wie Menschen sich zu kleiden haben? Ich quäle keine Menschenseele mit nichtssagenden Fragen, weshalb sie im Winter keine Mütze tragen oder sich eine Glatze abrasierten. Warum kümmert es jeder Seele, wie ich mich bekleide, während ich mich nicht über andere beunruhige? Apropos Sommer:

„Ist es dir nicht heiß unter dem Kopftuch?“ 

Um es auf den Punkt zu bringen: Ja, und jetzt? Ich bin keine Auserwählte dem es zufälligerweise nicht betrifft! Sondern ein Mensch. Ein Erdenbewohner, bei dem die Körpertemperatur auf Dauer umsattelt wann und wie es sich gehört. Dich anzulügen und meinen, dass ich dir widerspreche war keine Option. Denn du liebtest es zu diskutieren. Und wartetest, bis du den Satz „Recht hast du!“ zu Ohren bekamst. Wie ein Politiker, der keine Macht und Dominanz verdient.

„Wie kannst du mit vielen Zwängen leben und warum genießt du nicht die Freiheit?“

Um es klar und deutlich hervorzuheben: Wer behauptet das? Und wie definierst du Autonomie? Es mag konservativ klingen, aber bedeutet es, mich zu betrinken, bis mich der Rausch schuldbeladet? Oder bedeutet das, mich zu wundern, wieso fremde Typen für mich entflammen? Und weil ich dein Problem nicht nachvollziehen konnte, saß ich wie gestrandet im Niemandsland. In einem Verließ, von dem keiner ein Wort austauschte.

„Woher kommst du denn wirklich?“

Eine Frage, die ich nicht perfektionieren werde. Als wüsste ich nicht, wer ich bin. Eine ähnliche Frage, die mir einfiel war, wo mein Zuhause ist. Ist es Österreich, weil ich hier auf die Welt kam, aufwuchs, meine Schullaufbahn zu Ende brachte? Oder ist es das Land der Pyramiden und Hieroglyphen, weil ich 2002 mein halbes Kindergartenjahr verbrachte und ich eine wundervolle Familie habe? Egal, wie ich die Prüfungsfrage hervorging, meine Antworten reichten nicht aus. Kein Orakel oder Psychoanalytiker wird mir meine ganze, wahre Geschichte berichten. Meine Tagebucheinträge sind wie Schlüsseln, die zu nichts führten. Es blieb mir ein Rätsel, die ungelöst blieben.



Mir fiel auf, dass winzige Haarsträhnen aus dem Stoff herausstachen und steckte sie hastig zurück. Betend hoffte ich, dass du meine Zuckungen nicht bemerktest. Erfolglos. Deine Adleraugen waren ausgeprägter als die Fauna es erblicken konnte. Augenblicklich fingst du an zu fluchen, warum das der Weltuntergang sei. Ohne, dass es komplex wurde, Propheten und Versen zu zitieren, versuchte ich schlüssige Argumente zu ziehen. Doch du verhieltst dich wie die Professoren, bei denen die Antworten rechtsungültig sind. Weil es nicht exakt das war, was du von mir hören wolltest. Du wolltest keine Antwort von mir hören. Deine Psychospielchen hielt ich keine Sekunde mehr aus! Ich fragte mich, wann diese Show endete. Wir beide schwiegen, erleichtert atmete ich aus. Die Straßen räumten ihre Bühne frei, in wenigen Sekunden gingen die Laternen an. Das Gespräch dauerte länger als ich dachte. Ich warf ein Auge auf meine Uhr, viereinhalb Stunden vergingen wie im Nu. Unmöglich, dachte ich mir. Kurz vor dem Verabschieden batst du mir, auf mich aufzupassen... Nachdem du diesen Schwachsinn aussprachst:


„Jetzt, wo du verschleiert bist, wirst du in Zukunft mit keinem (sexuellen) Vorfall oder Ähnlichem rechnen müssen.“

Deine Worte trafen mich wie ein Stich in meine Leber, mein Herz und andere Organen, ohne die kein Lebewesen fortlebt. Ich stand schockiert und zerbrochen, meine Beine wurden kraftloser. Wie ein Glas, das in Scherben kaputtging. Alles, was ich fabrizieren konnte, waren es, meine Augen weit aufzureißen. Verzweifelt stand ich kurz vor einer Mischung aus Nervenschwäche und Wutanfälle. Die ersten Tränen rollten auf meine roten Wangen, während du dich lachend fortbewegtest. Genauso herzzerreißend wäre es, mit einer emotionalen Person über Abschied und Tod zu reden. Das ging eindeutig zu weit. Und um dich erneut zu fragen: Wer behauptet das?! Warum? Ich wischte die Tränen weg, als sich der Kaffeeladen leerräumte. Es fiel mir schwer, deine letzten Worte zu vergessen. „Wir schließen in Kürze“, rief der Besitzer dieses kleinen Ladens. Plötzlich klingelte es, aber mein Handy nicht. Ein zweites Mal spürte ich, wie jemand auf meine Schulter tippte. Erleichtert, erschrocken und kurz vor dem Ersticken zugleich, wurde mir klar, dass dies nichts anderes als ein schlechter Traum war.



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23 Gedanken

  1. Finde deine Tagebucheinträge sehr interessant! Du beschreibst alles so toll und es klingt alles wirklich spannend! Ich bin schon sehr gespannt auf deinen nächsten Eintag :)

    Liebe Grüße
    Elina

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  2. Du hast mich mit auf eine Reise genommen. Eine Reise, die im Herbst anfing und im politisch-gesellschaftlichen Diskurs endete. Danke für den Einblick in deine Welt.

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  3. Meine Liebe, du hast einen wirklich schönen poethischen Schreibstil! Großen Respekt, dass du das so gut umsetzen kannst. Ich finde es auch gut, wie du die Themen angesprochen hast, die momentan in der Gesellschaft so durchgepeitscht werden. sehr ehrliche worte!
    glg und einen schönen abend!
    karolina
    https://kardiaserena.at

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  4. Liebe Menna,

    deine Tagebucheinträge sind einfach immer sehr berührend und tiefsinnig! Dass Thema heute mit dem Kopftuch geht mir besonders nahe, weil mich diese Dinge aufgrund der derzeitigen Entwicklung nicht aus dem Kopf gehen und beschäftigen.

    Ich bin schon gespannt auf deine weiteren Beiträge!
    Liebste Grüße
    Verena von www.avaganza.com

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  5. Du schreibst so toll. Man denkt man sitzt dort in der selben Situation. Du erschaffst Bilder im Kopf. Tollee Text, macht nachdenklich.
    Liebe Grüße, Lina
    von www.colouroflina.com ♡

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    1. Danke liebe Lina! Freut mich, dass es dir gefallen hat. <3

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  6. Das ist kein Text, den man mal eben nebenher lesen kann. Dafür brauche ich Zeit und Muse, am besten heute Abend.
    Liebe Grüße
    Salvia von Liebstöckelschuh

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  7. Richtig toll wie du deine Gedanken in Worte fasst. Mehr davon! :)
    Nur am Rande: Ein wenig mehr Absätze wären hilfreich, um die Zeilen auf dem Bildschirm nicht zu verlieren.

    Liebe Grüße, Stefanie*

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    1. Danke Stefanie, wie lieb von dir! Und ich werde in Zukunft achten, Absätze zu bilden. Auch einen herzlichen Dank für deine Kritik. :)

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  8. ein wirklich schöner schreibstil & vorallem toller text! wirklich schön, werde mir doch gleich auch einige vorherige durchlesen :-)


    Liebste Grüße Moni
    von monis-paradise.blogspot.de

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    1. Danke für dein tolles Feedback Moni <3 ich freue mich riesig auf weitere Besucher. Solltest du Fragen, Anregungen oder Wünsche haben, kannst du mich gerne kontaktieren. Entweder auf meinen Social Media Kanälen oder per Kontaktformular. :)

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  9. Hallo Menna,
    das hast du wirklich wunderschön geschrieben. Ich konnte richtig mich in dich einfühlen :)

    Liebst Linni
    www.linnisleben.de

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  10. Ich liebe es wie du schreibst und du schreibst auf jeden Fall keine leichte Lektüre. ;) Ein sehr ansprechender Schreibstil, den man bestimmt nicht einfach so im Schnellen runter rattert, aber dass ich deine Texte gerne lese, weist du ja schon ;) Btw ich liebe Chocolate Chip Cookie, hätt jetzt auch gerne einen <3 Und nur falls du es noch nicht mitbekommen hast, ich liebe den Herbst und find es ganz toll wie du diese wunderschöne liebste Jahreszeit beschreibst und dann Schwups, einfach mal zur Politik über gehst ... Kopftuch oder nicht, der Mensch zählt. <3 In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal! LG iris <3

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    1. Freut mich, dass es dir so gut gefallen hat, liebe Iris! <3 Oft ist da Thema für mich eine Herzensangelegenheit, weißt du? :D Und dass der Mensch zählt stimme ich dir zu 100 Prozent zu! <3

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  11. Ich bin auch grade völlig hin und weg von einem Schreibstil. Du reißt einen ja richtig mit. Da schmeißt sich das Kopfkino von alleine an und man ist richtig bei dir..Sowas mag ich extrem gern.

    xoxo Vanessa von www.lipstickbunnies.de

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  12. Ja, leider achten Menschen immer noch mehr auf Äußerlichkeiten, als auf die Persönlichkeit, die sich dahinter verbirgt. Danke für diesen tollen Einblick in deine Gedankenwelt und liebe Grüße!

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  13. Liebe Menna,

    du solltest ein Buch aus deinen Tagebucheinträgen machen :-) ... wie immer ein sehr schöner Text. Danke dass du uns an deinen Gedanken teil haben lässt.

    Liebe Grüße
    Verena von www.avaganza.com

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  14. viele Menschen achten leider wirklich nur aufs Oberflächliche, und nicht auf den Charkter, die Art, das Wessern, dass sich dahinter verbirgt.
    ein schöner BP, der mich sehr berührt hat!

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von www.liebewasist.com

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